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Armut ist keine Schande

Die Europäische Union, Norwegen und Island setzen deutliche Signale und begehen das Jahr 2010 als das Europäische Jahr zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung. Ziel dieser Kampagne – die in Deutschland unter dem Motto „Mit neuem Mut“ steht – ist, die Probleme Armut und Ausgrenzung stärker in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken und auf die gesamtgesellschaftliche Verantwortung aufmerksam zu machen. Es geht darum, aufzufordern und Mut zu machen, die Probleme anzugehen und Wege heraus aufzuzeigen. Die Arbeit und das enorme soziale Engagement der Wohlfahrtsverbände, der unabhängigen Betroffenenverbände, der Initiativen freier Träger, von Unternehmen und Einzelpersonen soll Anerkennung und Unterstützung finden.

[komm in die gänge/start‘ den motor im kopf]

Sind Armut und soziale Ausgrenzung Themen in einer reichen Gesellschaft, in einem Sozialstaat wie Deutschland? Ein eindeutiges Ja. Nur zwei Zahlen aus dem Freistaat Sachsen, die das verdeutlichen: 12,7 % (im Bundesdurchschnitt, Stand 2008) der Sachsen sind auf staatliche Mindestsicherungsleistungen (z.B. Hartz-IV, Sozialhilfe, Leistungen für Asylbewerber und Kriegsopferfürsorge) zur Absicherung des Existenzminimums angewiesen. Von relativer Einkommensarmut und damit von sozialer Ausgrenzung und der aktiven Teilhabe an der Gesellschaft bedroht sind 19 %. Ursachen gibt es viele. Neben Verschuldung sind das vor allem Langzeitarbeitslosigkeit, unangemessen entlohnte Arbeit, Trennung, gescheiterte Selbstständigkeit oder auch ein Migrationshintergrund. Besonders fatal wird es, wenn Armut und Perspektivlosigkeit von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden und Kindern wenig Hoffnung bleibt, aus dieser Misere herauszukommen. Deshalb ist es wichtig, dass sich ein Sozialstaat nicht nur auf das Absichern von Minimalstandards versteht, sondern echte Perspektiven, faire Startchancen, ein neues soziales Bewusstsein sowie neue humanitäre Maßstäbe schafft. Nur angemessen entlohnte und sozialversicherte Arbeit gewährleistet den eigenständigen Lebensunterhalt, die gesellschaftliche Anerkennung und ein selbstbestimmtes Leben. Es ist wahr: Geld allein ist nicht alles. Doch mit Geld kann man viel gestalten.

[kein gleichschritt keine zwänge/ pack das schicksal am schopf]

Zwei Drittel der Kinder in Deutschland geht es materiell so gut, wie keiner Generation vorher. Dagegen leben 2,5 Millionen Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre von staatlicher Unterstützung. Die Schere zwischen Arm und Reich ist groß und Kindern aus einkommensschwachen Familien ist diese Ungleichheit im Alltag auf Grund eingeschränkter finanzieller Handlungsmöglichkeiten durchaus deutlich. Obwohl Armut hier natürlich nicht vergleichbar mit der in der Dritten Welt ist, müssen viele doch auf einige grundlegende Dinge verzichten. Sie laden kaum Freunde nach Hause ein, Geburtstagspartys sind meist unerschwinglich. Viele Familien können es sich nicht leisten, in den Urlaub zu fahren oder unerwartete Ausgaben zu tätigen. Gefangen in ihren Alltagsproblemen, bedrängt von Existenzunsicherheit und Perspektivlosigkeit haben Eltern oft nicht die Kraft, sich hinreichend um die Erziehung und das Wohl ihrer Kinder zu kümmern und sie vor armutsbedingten Benachteiligungen zu bewahren.
Armut beginnt meist mit Bildungsarmut. Frühe Schulabgänger zählen zur Armutsrisikogruppe Nummer 1, denn durch Automatisierungsprozesse bedingt, sinkt die Nachfrage der Wirtschaft nach Un- bzw. Geringqualifizierten immer weiter. Der berufliche Bildungsabschluss beeinflusst maßgeblich die Beschäftigungschancen und das spätere Einkommen. Um allen Teilhabechancen am Arbeitsmarkt zu sichern und insbesondere geringqualifizierte und ältere Arbeitnehmer/innen zu fördern, wurden eine Reihe effektiver Maßnahmen auf Bundes- und Länderebene von der Bundesagentur für Arbeit sowie den Wohlfahrtsverbänden etc. ins Leben gerufen.

[hast du dich auch verwählt/für panik gibt’s kein patent/vergeude nicht dein talent]

Weil jeder zählt, fördert beispielsweise das Sächsische Staatsministerium für Kultus mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds viele außerschulische Projekte zur Verbesserung des Schulerfolgs und zur Berufs- und Studienorientierung. Ziel ist es, Kindern und Jugendlichen mit weniger guten Schulleistungen ab Klassenstufe 7 zu ermutigen und ihnen zu ermöglichen, ihre schulischen Defizite auszugleichen. Für eine möglichst optimale Berufswahl und zur Vermeidung von Ausbildungs- und Studienabbrüchen und der damit einhergehenden Frustration werden durch den Europäischen Sozialfonds außerdem viele Vorhaben zur Berufs- und Studienorientierung gefördert.



LSR

Jeder hat individuelle Stärken! Die gilt es zu erkennen und auszubauen. Nutze deine Chance! Hier nur zwei dieser Projekte, weitere erfährst du in deiner Schule:

[www.schau-rein-sachsen.de]
[www.bildungsmarkt-sachsen.de]

LSR

»Armut ist keine Schande, aber das ist ungefähr
alles, was man Gutes
über sie sagen kann.«
[R.M. Tucker]

Wie wird Armut definiert?
Armut hat nicht nur viele Gesichter, es gibt auch viele Definitionen. Allerdings keine, die globalgültig ist. Unbestritten ist aber, dass Armut – im weitesten Sinne – den Mangel an Chancen bezeichnet, ein Leben zu führen, „das gewissen Minimalstandards entspricht“ (Wikipedia). Wer bei uns in Deutschland als arm eingestuft wird, kann in einem anderen Land deshalb durchaus als reich gelten. Die jeweilige Stufe, ab der von Armut gesprochen wird, ist darum eine politische Werteentscheidung. Jeder Staat entscheidet für sich, wie er diese Minimalstandards definiert und in welchem Grad er der sich daraus ergebenden Benachteiligung durch vorrangig finanzielle Hilfeleistungen entgegenwirken kann und will.

Absolute Armut
Der ehemalige Präsident der Weltbank, Robert Strange McNamara, führte den Begriff der absoluten Armut ein: „Armut auf absolutem Niveau ist Leben am äußersten Rand der Existenz. Die absolut Armen sind Menschen, die unter schlimmen Entbehrungen und in einem Zustand von Verwahrlosung und Entwürdigung ums Überleben kämpfen, der unsere durch intellektuelle Fantasie und privilegierte Verhältnisse geprägte Vorstellungskraft übersteigt.“ In Zahlen definiert: Absolut arm ist, wem weniger als 1,25 PPP-US-Dollar (PPP, engl. purchasing power parity) pro Tag zur Verfügung stehen.

Relative Armut
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert die Armutsgrenze „anhand des Verhältnisses des individuellen Einkommens zum „mittleren Einkommen“ (Wikipedia). Als von Armut gefährdet gilt in der Europäischen Union derjenige, dem weniger als 60 % des Durchschnittseinkommens seines Landes zur Verfügung stehen. Bei uns in Deutschland liegt diese Grenze bei 938 Euro im Monat.

Armut in Zahlen
Im Bundesschnitt liegt die Armutsgefährdungsquote (Stand 2008) bei 14,4 Prozent. Während in den neuen Ländern einschließlich Berlin fast jeder Fünfte als arm gilt, ist es im Westen Deutschlands jeder Achte. Sachsen liegt dabei mit 19 Prozent leicht unter dem ostdeutschen Schnitt. (2006 lag die Zahl noch bei 23,6 %). Alarmierend ist nach wie vor die Kinderarmut im Freistaat Sachsen, denn beinahe jedes vierte Kind ist betroffen.
Konkret als unterversorgt gilt, wer weniger als 50 % des personenbezogenen Durchschnittseinkommens der Bevölkerung bezieht. In Sachsen erhielten aus diesem Grund 2008 12,7 % der Bürger staatliche Mindestsicherungsleistungen zur Absicherung des Existenzminimums.

(Quellen: Statistisches Bundesamt, Statistisches Landesamt des Freistaates Sachsen)




 
Felix:

[»Zukunftsvisionen? Da muss ich Sie enttäuschen, habe ich nicht. Ich lass alles auf mich zukommen.«]

„Ich habe das, was ich am Körper habe, die paar Sachen. Ein Handy, das ist der einzige Luxus. Alles andere wurde mir bei der Pfändung weggenommen. Nicht einmal Kinderbilder von mir gibt es, weil meine Mutter ja auch immer geräumt wurde.“
Felix hat nichts. Keine intakte Familie, kein eigenes Zuhause, keinen Schulabschluss, keine Ausbildung, nicht einmal mehr Träume: „Zukunftsvisionen? Da muss ich Sie enttäuschen, habe ich nicht. Ich lass alles auf mich zukommen“, wehrt er deshalb ab und fügt wehmütig an: „Früher, als kleines Kind, ja. Aber das hat sich nie erfüllt. Das will ich mir nicht mehr antun.“ Der 20-Jährige schildert seine Lebenssituaion: „Ich habe von fünf bis neun Jahre bei meiner Oma gelebt, bin dann zu meiner Mutter zurück, habe es aber nicht ausgehalten. Von fünfzehn bis neunzehn war ich in einer WG vom Jugendamt. Mit 18 musste ich da raus. Ich habe zwar 1 Jahr Verlängerung bekommen, aber, um auf eigenen Beinen zu stehen, war ich einfach überfordert. Ich verlor die Wohnung, die ich bekommen hatte, weil mir die Ämtergänge über den Kopf gewachsen sind. Ich habe alles verloren, was ich hatte: Wohnung, Freundin, Konto alles. Ich stand vor dem Nichts. Meine Tante nahm mich auf, irgendwann war auch das aus. Dann wusste ich nicht mehr wohin. Erst mal war ich im Obdachlosenheim. Dann gab mir das Sozialamt den Ratschlag, hierher ins „Lindenhaus“ zu gehen. Hier muss ich zwar einen Euro für die Übernachtung und jeweils 50 Cent für die Mahlzeiten bezahlen, aber das ist mir lieber, als das Obdachlosenheim mit Aggression und Alkohol. Momentan lebe ich von Kindergeld, von jetzt 184 Euro im Monat, mehr nicht. Die Manu hier im „Lindenhaus“, hat mir geholfen, Hartz-IV zu beantragen. Seit gestern läuft das. Darüber bin ich sehr froh.“ Hilfe entgegenzunehmen, damit hat Felix kein Problem. Und gerade im „Lindenhaus“, ein Haus für obdachlose Jugendliche des Dresdner Tafel e.V., gibt es Leute, die sich Zeit nehmen, ihm genau erklären, was zu tun ist, es ihm auch auf einen Zettel schreiben, damit er bei den Behördengängen nicht den Überblick verliert. „Zu blocken, Hilfe zu verweigern, ist dumm!“, weiß Felix. „Die Leute, die hier sind und einem helfen, machen das für Nasse. Sie machen das, nicht weil es ihr Job ist, sondern, weil sie dir wirklich helfen wollen. Und sie sind hartnäckig. Sie sagen dir: Du, hör mal zu, bei Dir muss sich was ändern. Sie erklären dir ganz klar, wo dein Problem liegt. Und wenn du dann erkannt hast, dass du was falsch gemacht hast, weißt du auch, dass du Hilfe brauchst und das man diese annehmen muss.“ Felix koppelte sich schon vorher von den meisten seiner früheren Freunde ab: „Das war kein guter Umgang, sie hatten Drogenpropleme. Drogen war überhaupt ein großes Problem in meinem Leben, vor allem Alkohol.“ Wie es dazu kam, schildert er so: „Ich war mehrmals im Leben ganz unten. Ich habe mich mehrmals in einem komplett neuem Umfeld einrichten und einen Freundeskreis aufbauen müssen. Mit fünf bei meiner Oma, dann wieder mit neun bei meiner Mutter, dann x-mal wieder umgezogen, mit fünfzehn schließlich in der WG. Irgendwann war ich an einem Punkt, wo ich nicht mehr weiterwusste, leer war. Ich bin auf Ämter gerannt und die haben mir nur unterstellt, dass ich bloß keine Lust hätte. Da bin ich den Drogen verfallen und und und.“ Stockend fährt er fort: „Und dann kam dieser Mist in meinen Kopf: Ich habe nichts, ich kann nichts, ich bin nichts, ich werd auch nichts.“
Hier im „Lindenhaus“ konnte er wieder Mut fassen: „Die Leute hier schaffen es, dass ich mit mehr Selbstvertrauen und -achtung durchs Leben gehe und für mich und meine Rechte einstehe. Nun versuche ich meinen Hauptschulabschluss in der Abendschule nachzuholen, irgendwann eine eigene Wohnung und eine Ausbildung in der IT-Branche zu finden. Auf jeden Fall möchte ich ein geregeltes Leben leben, am stink normalen Leben teilhaben können. Ich versuche es zumindest, aus diesem Teufelskreis herauszukommen. Ich will es wenigstens versuchen und mich eben nicht aufgeben.“

   
Philipp:

[»Meine Noten haben sich verbessert und ich habe durch viele Praktika einen Ausbildungsplatz in meinem Wunschberuf bekommen.«]

... besucht die 9. Klasse der Leonhard-Frank-Mittelschule Coswig. Er selbst beurteilt seine Lernleistungen als mittelmäßig. „Meine Lieblingsfächer sind Physik, Deutsch, Mathe und Sport. Nicht so optimal läuft es in Ethik, Englisch und Chemie.“ Und warum? „Na ja, es liegt daran, dass ich in diesen Fächern nicht so viel lerne und im Unterricht manchmal nicht aufpasse“, schätzt er ehrlich ein. Aber, weil Philipp unbedingt einen guten Hauptschulabschluss und eine Lehrstelle als Autolackierer bekommen wollte, hat er sich bei „Hauptschüler/innen schaffen was“, einem Projekt zur Berufsorientierung abschlussgefährdeter Hauptschüler seiner Schule angemeldet. Initiiert wurde es von der Stadt Coswig, die mit dieser Bildungsmaßnahme schon im Vorfeld etwas gegen die zusehends wachsenden sozialen Probleme der Hauptschüler tun möchte. Finanziert wird das Projekt aus ESF-Mitteln durch die Sächsische Aufbaubank und die Stadtverwaltung Coswig. Momentan nutzen 37 Hauptschüler der Klassen 7 bis 9 dieses Angebot. Hauptanliegen des Projektes ist natürlich der erfolgreiche Hauptschulabschluss. Einen hohen Stellenwert nehmen auch die Neigungskurse „Berufsorientierung“, die Praxistage mit verschiedenen Kooperationspartnern (z.B. Firmen, Kindergärten, Einzelhandel) aus der Region sowie die Exkursionen (bsw. Betriebsbesichtigungen, Messe Karrierestart, Planspiel Job Meißen) und Seminarfahrten (zu Themen wie Konflikte in der Ausbildung oder auch Bewerbertraining) ein.
Großer Wert wird auch auf die individuelle Einzelfallarbeit gelegt. Philipp und seinen Freunden werden gesellschaftliche Werte und Normen vermittelt. Sie werden mit verschiedenen, für sie relevanten Berufsfeldern vertraut gemacht, zum Entdecken eigener Stärken und dem Erkennen von Schwächen angehalten. Ihr Selbstvertrauen wächst und sie werden sensibilisiert, Verantwortung für ihr eigenes Handeln zu übernehmen. „Meine Noten haben sich verbessert und ich habe durch viele Praktika einen Ausbildungsplatz in meinem Wunschberuf als Autolackierer bekommen“, freut sich Philipp. „Meine Chancen erhöhen sich in jedem Fall“, ergänzt er und verweist: „Wichtig ist aber auch, dass man praktische Erfahrungen in dem Beruf, den man gerne ausüben möchte, sammeln kann.“

LSR
 
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