Mädchen sind fleißiger als Jungs und haben deshalb die besseren Noten

Auch vor der Schule scheinen geschlechterspezifische Diskrepanzen nicht halt zu machen. Stimmt es tatsächlich, dass Jungs und Mädchen mit unterschiedlichem Ehrgeiz an das Lernen herangehen? Dass Mädchen fleißiger sind und die besseren Noten erzielen, Jungs aber schlechter bewertet werden, weil in die Zensur das soziale Verhalten mit einfließt?mehr

Mädchen sind fleißiger als Jungs und haben deshalb die besseren Noten

Ist es wirklich so? Wenn ja, warum und gilt dieser Vorteil auch im späteren Berufsleben?

Auch vor der Schule scheinen geschlechterspezifische Diskrepanzen in unserer Gesellschaft, die sich sehr fortschrittlich wähnt, nicht halt zu machen. Stimmt es tatsächlich, dass Jungs und Mädchen mit unterschiedlichem Ehrgeiz an das Lernen herangehen? Dass Mädchen zwar fleißiger sind und die besseren Noten erzielen, Jungs aber deshalb schlechter bewertet werden, weil in die Zensur auch das soziale Verhalten mit einfließt? Dass bei Jungs Fleiß als uncool gilt und sie in diesem Denken das Wissen bestärkt, dass sie in den meisten Jobs später dann sowieso besser bezahlt und den Mädchen vorgezogen werden? Um all diese Fragen zu beantworten und die verschiedenen Aspekte dieser Problematik näher zu beleuchten, haben wir uns einen kompetenten Mann ins Boot geholt: Prof. Marcel Helbig. Er ist Bildungsforscher und arbeitet im Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und am Leibniz-Institut für Bildungsverläufe in Bamberg.

Prof. Marcel Helbig

Mädchen haben die besseren Noten als Jungs. Stimmt das tatsächlich, Herr Professor Helbig?
Ja, alle Studien, die es dazu gibt, zeigen immer wieder, dass Mädchen, die besseren Noten haben als Jungen. Eine Ausnahme bildet lediglich das Fach Mathematik. Die Jungs haben da zwar die besseren Kompetenzen, aber in etwa die gleichen Noten wie die Mädchen.
Das Interessante dabei ist, dass dieser Befund nicht erst seit heute gilt. Studien aus den USA belegen dies schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts, für England bereits seit 1850. In Publikationen aus dieser Zeit findet man eine aufschlussreiche Formulierung, da wurde tatsächlich von der „gesunden Faulheit der Jungen“ gesprochen, die sie davor bewahrt, über alle möglichen Dinge nachzugrübeln. Es wurde damals fast als ungesund angesehen, dass Mädchen sich anstrengen, um bessere Noten zu erlangen.

Gilt dieser Unterschied zwischen Jungs und Mädchen sowohl für die Grundschule, die Mittelschule als auch das Gymnasium?
Er zeigt sich für alle Schulformen. Es gibt auch keine nennenswerten Unterschiede zwischen Stadt und Land oder wenn man sich die sozialen Schichten anschaut. Es ist also nicht so, dass es nur um eine Jungenpopulation geht, die am sozialen Rand steht oder um den oft zitierten Migrantenjungen aus der Großstadt.

Haben Jungs denn geringere kognitive Fähigkeiten?
In den verbalen Kompetenzen – wie Lesen, Schreiben, Orthografie – sind Mädchen deutlich stärker als Jungen. In Mathematik und den Naturwissenschaften beobachten wir etwas bessere Kompetenzen bei den Jungen. Wenn man sich aber anschaut, was im Fokus der Forschung der letzten Jahrzehnte stand und steht, dann muss man klar sagen, dass sich dieser immer wieder auf den Kompetenznachteil der Mädchen im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich konzentrierte. Der Nachteil der Jungen in den verbalen Kompetenzen wurde dagegen immer außen vorgelassen.

Woran liegt es also, dass Jungs mieser abschneiden?
Es ist ein Stück weit auf die geringere Anstrengungsbereitschaft der Jungen zurückzuführen. Ihnen sind Noten nicht so wichtig. Sie strengen sich nicht an, machen weniger Hausaufgaben usw. Und diese Dinge gehen im Endeffekt in die Noten mit ein, also nicht nur die kognitiven, sondern auch die sozialen Kompetenzen, und das ist nur fair.

Jungs empfinden Lernen als uncool. Warum eigentlich?
Ihre Peer Group, also ihre Clique, ihr soziales Umfeld, übt einen gewissen Druck aus. Sie möchten nicht als Streber rüberkommen. Streber ist in der Jungenpopulation eher ein Schimpfwort. Ja, warum eigentlich? Ich denke, das hängt damit zusammen, dass die Eltern – dazu gibt es Studien aus England und Japan – Jungs intelligenter wahrnehmen als Mädchen und das auch ihren Kindern gegenüber vermitteln. Die Söhne und Töchter verinnerlichen das und deuten es als Zeichen, sich eben mehr – die Mädchen, oder weniger – die Jungen, anzustrengen. Dieses Bild wird so lange bestehen, wie Männer in der Gesellschaft als intelligenter und kompetenter gelten. Erst, wenn sich das ändert, so ist jedenfalls mein Ansatz, kann sich dieser sozial-psychologische Mechanismus verändern. Das ist aber erst dann so weit, wenn in der Gesellschaft tatsächlich Geschlechtergleichheit gelebt wird.

An Mädchen prallt das Streberimage ab?
Mädchen verstehen das Streben nach Leistung nicht abwertend. Sie haben seit Generationen verinnerlicht, dass sie sich anstrengen müssen, um erfolgreich zu sein und dass ihnen dies nicht aufgrund ihres Geschlechts gelingen kann. Jungen sehen hingegen, dass die Gesellschaft von Männern dominiert wird und glauben, sich nicht bemühen zu müssen.

In der Wirtschaft und der Politik haben meist Männer die besseren Positionen. Die Jungs wachen also irgendwann auf und geben Gas?
Es gibt da eine schöne Formulierung, die ich zitieren möchte: „Jungs dürfen schon erfolgreich sein, aber sie müssen den Eindruck erwecken, dass das Ganze anstrengungslos erfolgt.“ Also sie dürfen schon gute Noten haben, werden sich aber immer hinstellen und behaupten: „Ich habe dafür überhaupt nicht gelernt!“. Der Junge kann in dem Moment nicht zugeben, dass er sich vorher hineinvertieft hat. Das ändert sich erst im Studium. Hier setzt langsam ein Prozess ein, der es den Jungen mehr oder weniger erlaubt, sich anzustrengen. Vielleicht auch weil der Stoff, der dort vermittelt wird, als anspruchsvoller wahrgenommen wird. Es ist aber dennoch so, dass sie ihr Denkmuster nicht so leicht ablegen können.
Ein weiterer Aspekt ist, und davor dürfen wir die Augen nicht verschließen, dass es in der Gesellschaft viele Mechanismen gibt, die dazu führen, dass Jungen bzw. Männer, in den höheren Positionen landen, weil sie im Durchschnitt viel weniger in der Fürsorgearbeit (z. B. Elternzeit) eingebunden sind als Frauen. Weil sie nicht deren steinigen Weg gehen müssen, wenn sie eine Führungsposition anstreben.
Wenn man betrachtet, wie groß die Bildungsunterschiede am Ende der Schule sind, registriert man einen messbaren, aber nicht exorbitanten Unterschied. Ca. 56 % der Studienberechtigten sind Mädchen, 44 % Jungen. Wenn man sich dann aber anschaut, wie die Führungspositionen etwa in Dax-Vorständen verteilt sind, kommt man auf weniger als 20 % Frauen. Die bildungssystemischen Unterschiede fallen auf dem Arbeitsmarkt ungleich höher aus, allerdings zugunsten der Männer.

Wie müsste sich die Gesellschaft wandeln, damit sich die Potenziale und Talente, die in allen, Jungs und Mädchen, stecken, von Anfang an optimal entfalten und gefördert werden können?
Es gibt verschiedene Ansätze. Auf der einen Seite kann man sagen: Soll doch jeder machen, was ihm Spaß macht. Jeder entscheidet selbst, was ihn interessiert oder eben nicht. Nehmen wir z. B. das Interesse für Technik und die Naturwissenschaften. Hier besteht weniger das „Problem“ dass Mädchen besonders niedrige Kompetenzen in Mathematik und Physik aufweisen und deshalb seltener Leistungskurse in diesen Fächern wählen. Sie wählen diese Kurse seltener, weil sie sich eher für andere Fächer begeistern. Die Frage, die man sich stellen muss ist doch, ob es wirklich sinnvoll ist, Jungen und Mädchen unbedingt dazu zu bewegen, in Berufen zu arbeiten, wo sie momentan unterrepräsentiert sind – Jungs bspw. als Erzieher, Mädchen als Programmierer. Wenn beide Berufe nicht so unterschiedlich bezahlt wären, würden wir uns vielleicht gar nicht so stark mit dieser Frage beschäftigen. Solange Ingenieure aber deutlich besser bezahlt sind als Erzieherinnen, fallen Ungleichheiten bei den Interessen, bei der Wahl der Fächer und bei der Ausprägung bestimmter Kompetenzen erst ins Gewicht.

Was können die Schülerinnen und Schüler beitragen?
Jeder sollte sich bewusst machen, dass er Teil der Gesellschaft ist und dass er sich in die geschlechterspezifische Rolle ein stückweit hineindrängen lassen hat. Die Geschlechterrollen, -identitäten und -muster stehen nicht fest, sie sind veränderbar und können durchbrochen werden. Es muss nicht erst zu Mathematikängsten bei Mädchen und zu Ängsten vor Deutschklausuren bei Jungen kommen. Denn man bringt sich damit selbst um seine Chancen und Möglichkeiten. Man muss sich laufend hinterfragen, ob man Diener seiner Geschlechtsidentität ist oder ob wirklich der freie Wille entscheidet.
Wichtig ist mir noch anzumerken, dass die sozialen Unterschiede um vieles gravierender sind als die geschlechterspezifischen, dass sich der Bildungserfolg eines Akademikerkindes wesentlich von dem eines Arbeiterkindes unterscheidet. Das ist sehr viel folgenschwerer, und hat sich in den letzten Jahrzehnten nicht verändert.

Herr Prof. Helbig, wir danken Ihnen für das Interview!


Fotos: oben: ©Westend61-stock.adobe.com, Mitte: ©CharlyWavebreakMediaMicro-stock.adobe.com, unten: ©WavebreakMediaMicro-stock.adobe.com, unten / Portrait: ©Marcel Helbig

Erstellt am 15. März 2022 Drucken
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