Wartesemester – Bitte hinten anstellen

Studienplätze sind knapp. Macht das Warten Sinn?

Der Kasten mit den Wartenummern holt asthmatisch Luft. Dann scheppert die nächste Ziffer in die Anzeige. Das Geräusch hallt durch den langen Gang der Studienberatung. „Psychologie mit einer Abi-Note von 2,4? Zehn Wartesemester oder nie“, sagt der Studienberater. Zehn Wartesemester oder nie – für Laura macht das keinen Unterschied. „Niemand hat uns jemals gesagt, wie viel von der Abi-Note abhängt“, sagt Frank. Er möchte Medizin studieren. Was also tun, wenn man nicht zu den Besten gehört und dennoch Tierarzt, Chirurg oder Psychotherapeut werden möchte? Es ist eng geworden an den deutschen Unis. Abiturienten stehen heute vor einer neuen Situation, bei der ihnen ältere Geschwister und Freunde kaum noch einen Rat geben können. Von den Eltern ganz zu schweigen. Mal eben für irgendein Fach an der Uni einschreiben, läuft seit der Studienreform nicht mehr. Heute heißt es Bewerbungen tippen, und zwar für nur eine Fächerkombination pro Uni pro Semester. Die knappen Studienplätze in den Fächern Biolgie, Medizin, Psychologie, Pharmazie, Veterinärund Zahnmedizin verteilt die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) bundesweit nach Abi-Noten und der Anzahl der Wartesemester. Die Universitäten dürfen neuerdings einen Teil der Studienanfänger in diesen Fächern selbst auswählen. Wäre das so genannte Auswahlverfahren der Hochschulen (ADH) eine Chance für Frank? Er hat zwar das Abi nur mit 3,3 bestanden, kann aber einen Hochbegabten-IQ von immerhin 146 Punkten vorweisen. Die anatomischen Lehrbücher „Prometheus“ kennt er bereits auswendig. „Auch im ADH bleibt die Abinote das entscheidende Kriterium“, sagt Siegfried Engl von der Studienberatung der Freien Universität Berlin.

Hat das Warten aufs Studium überhaupt Sinn? Laura konsultierte den Studienberater beim Arbeitsamt. Sie sprach mit ihren Eltern, Freunden und Verwandten. Immer ging es darum, herauszufinden, welches ihr Ziel ist. Sie absolvierte Praktika, schaute sich in anderen Städten nach anderen Studienfächern um. In Berlin bewarb sie sich an zwei Universitäten, fächerte das Spektrum ihrer Berufswünsche breiter. Kunstlehrerin kam jetzt in Frage auch Journalistin. Sie zog in eine WG in Berlin, bewarb sich an zwei Universitäten, fand Arbeit. Frank ist fest entschlossen zu warten. Während die Jahre verstreichen, arbeitet er in einem Berliner Club. In seiner Freizeit surft er über die Websites der Medizinstudenten, besorgt sich Bücher, lädt alte Klausuren aus dem Netz. „Das Warten nervt. Ich dachte, ich könnte früher mit dem Leben anfangen, so richtig mit Familie, Bausparvertrag und so.“ Wer seinem Studienwunsch treu bleiben und sich der Wartezeit stellen will, sollte darauf achten, im Kopf fit zu bleiben. Denn Lernen verlernt man mit der Zeit. Man kann wie Frank schon mal allein mit dem Studium beginnen. Besser, man wählt eine Berufsausbildung, die inhaltlich zum Studium passt. Auf diese Weise verkehrt man sein Minus, nicht zu den Abi-Besten zu gehören, in ein Plus – ins erste Semester schon viel praktische Erfahrung mitzubringen. Als die Absagen von den Berliner Unis im Briefkasten lagen, entschied sich Laura für ein Pädagogik-Studium. Auch das ist eine gute Basis für die therapeutische Arbeit. „Mit großer Wahrscheinlichkeit bekomme ich jetzt einen Studienplatz in Düsseldorf oder Bielefeld“, sagt sie. Dann heißt es also wieder Abschied nehmen von Berlin. Laura findet das schade. Aber noch länger warten möchte sie auf keinen Fall.

Das ABC des Hochschulzuganges
  • ADH
    ADH – das Auswahlverfahren der Hochschulen (HS). Seit dem Wintersemester 2005/2006 wählen die HS 60 Prozent der Studienanfänger selbst aus. Es werden Eignungstests für die einzelnen Studienfächer erarbeitet. Entscheidendes Auswahlkriterium bleibt die Abinote.
  • Bachelor
    Kurzes Grundstudium nach angelsächsischem Vorbild als Basis für das fachlich spezialisierte Master-Studium, dessen Abschluss der Qualifizierung des deutschen Diploms gleicht. Bewerbungen für das Bachelor-Grundstudium erfolgen grundsätzlich nicht über die ZVS, sondern direkt an den Hochschulen.
  • Der ewige Student
    Auslaufmodell eines Studenten-Lifestyles, der vor der Hochschulreform noch möglich war. In Zukunft werden sich die finanziellen Zuwendungen an die Hochschulen danach richten, wie schnell die Studenten ihr Studium abschließen. Die HS haben also ein unbedingtes Interesse an ehrgeizigen, ungeduldigen Studenten.
  • Hochschulreform
    Der Reform-Prozess an den deutschen HS ist noch nicht abgeschlossen. Politische Ziele der Reform sind, die HS auf die Anforderungen durch Globalisierung, Internationalisierung und Wettbewerb einzustellen, ihre Autonomie zu stärken und ihnen größere Spielräume bei der Profilierung einzuräumen. Den HS soll die Möglichkeit gegeben werden, die passenden Studenten auszuwählen. Umgekehrt sollen Studenten die für ihren Berufswunsch passende HS wählen können.
  • Losverfahren
    Einige noch freie Studienplätze werden kurz vor Semesterstart verlost. Nach einer Ablehnung sollte man sich unbedingt erkundigen, ob es für den Studiengang ein Losverfahren gibt und sich dann dafür bewerben.
  • Nachrückverfahren
    Über die ZVS bewerben sich Abiturienten in der Regel für mehrere HS. Häufig passiert es, dass ein Student dann die Wahl hat, da er von mehreren HS eine Zusage erhält. Die dadurch freiwerdenden Studienplätze werden über das so genannte Nachrückverfahren kurz vor Beginn des Semesters vergeben.
  • Numerus Clausus (NC)
    Ein Wert, den die ZVS und die HS jedes Jahr nach der Anzahl der Studienbewerber und deren Abiturnoten errechnen. Fächer mit NC sind zulassungsbeschränkt. Da der NC auf den Vorjahreswerten basiert, haben auch Bewerber mit schlechteren Abinoten Chancen. Manchmal reichen die Studienplätze für alle Bewerber.
  • ZVS
    ZVS – Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen. Im Jahre 1973 gegründet, sorgt die ZVS seitdem dafür, dass knappe Studienplätze nach bestimmten Kriterien verteilt werden. Heute werden 20 % der Bewerber über die Abitur-Bestnote vermittelt, 20 % über die Anzahl der Wartesemester und 60 % über das Auswahlverfahren der Hochschulen

Text: Kathrin Schrader, September 2006

 

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