„Wäre das nicht was für Dich?“

Wie weit dürfen sich Eltern bei der Berufswahl einmischen?

Die Idee, uns mit dieser Frage im Countdown auseinanderzusetzen, drängte sich uns auf der Messe KarriereStart förmlich auf. „Wäre das nicht was für Dich?“, gab es da nämlich oft zu hören. Eltern mit ihren Sprösslingen im Schlepptau versuchten für die dort angebotenen Berufe zu begeistern.mehr

„Wäre das nicht was für Dich?“

Wie weit dürfen sich Eltern bei der Berufswahl einmischen?

Du liegst auf dem Bett, hast die Kopfhörer auf und döst aus dem Fenster, willst einfach nur chillen, aber die Auseinandersetzung mit deinen Eltern steckt dir noch in den Knochen. Du weißt, sie werden nicht lockerlassen. Jeden Tag werden sie dich mit neuen Vorschlägen für die Berufswahl nerven. „Wäre das nicht was für dich?“ Du kannst diesen Satz nicht mehr hören. Auf den Tisch im Wohnzimmer haben sie schon wieder einen Internetausdruck eines Berufsbildes gelegt. Eine Schönheit im glatt gebügelten Businesslook zeigt ihr Erfolgslächeln. Darunter ein staubtrockener Text. Neuerdings kannst du mit deinen Eltern nirgendwo mehr hingehen, ohne dass Berufe inspiziert und bewertet werden, ob im Schwimmbad oder auf der Bank. Selbst der Schornsteinfeger wurde neulich kommentiert. „Oder doch lieber Pfarrerin?“ Sollte ein Witz sein. Haha.

Du weißt ja, dass du das Thema angehen musst. Aber wie? Wo anfangen? Das Arbeitsamt ist nicht gerade ein cooler Ort, sich nach Visionen für das eigene Leben umzuschauen. Am liebsten würdest du die Berufswahl noch fünf Jahre aufschieben. Du fragst dich, wieso du diese wichtige Entscheidung gerade jetzt treffen musst, wo eh alles so kompliziert ist.
Es ist eine Herausforderung, das eigene Leben zum ersten Mal selbst in die Hand zu nehmen, nach so vielen Jahren, in denen immer andere die Ansagen machten und von Schülern erwartet wurde, dass sie sich für alles interessieren, vom Quastenflosser bis zur Sinuskurve. Aber niemand anderes als du selbst kann dein Leben denken. Die Eltern mit ihren Sorgen und Ängsten sind nicht immer die idealen Ratgeber.

Hannahs Vater hat schon früh bemerkt, dass seine Tochter kreativ ist und künstlerische Ambitionen hat und seinen Handwerksbetrieb wahrscheinlich nicht übernehmen wird. Das fand er überhaupt nicht schlimm. Doch als Hannah, nachdem sie einen Film über Hotelfachleute gesehen und daraufhin ein erstes Schülerpraktikum im Hotel absolviert hatte, erklärte, dass sie ins Hotelfach gehen möchte, war ihr Vater nicht so begeistert. Er legte Hannah stattdessen eine Fachschule für Produktdesign nahe. Hannah fand die Schule ganz cool. Doch den Eignungstest absolvierte sie nur auf Drängen ihres Vaters.
Sie bestand ihn nicht. „Ich glaube, sie war nicht wirklich mit dem Herzen dabei“, sagt ihr Vater.

Das Beispiel der 15-jährigen Hannah und ihres Vaters veranschaulicht sehr gut drei Dinge. Erstens wollen Eltern immer das Beste für ihre Kinder. Zweitens kennen sie ihre Kinder gut, denn sie haben sie aufwachsen sehen, haben erfahren, wofür sie sich interessieren und begeistern, was sie gut können und was ihnen schwerfällt. Drittens sind sie mitunter so sehr von einer Idee für deine Zukunft begeistert, dass es ihnen schwerfällt zu verstehen, dass du einen eigenen Kopf hast.
Wichtig ist, dass du klar und entschieden sagst, was du nicht willst. Du musst deine Entscheidung auch nicht begründen. Du bist weder deinen Eltern noch deinen Lehrern eine Erklärung schuldig. Primär ist nur, herauszufinden, was du nicht willst. Dann wirst du irgendwann auch wissen, was du willst. Das aufzuspüren, dabei sollten dich deine Eltern unterstützen.
„Die Eltern sind für Jugendliche in Fragen der Berufswahl die wichtigsten und ersten Gesprächspartner“, sagt Nicole Bohraus, eine Pädagogin, die Schüler in einem Projekt zur Berufsorientierung berät. Sie empfiehlt Schülern, die sich noch nicht für einen Beruf entschieden haben, einfach mal zu schauen, was die Eltern so machen, zu gucken, wie sich ihr Arbeitsalltag anfühlt. Für das Betriebspraktikum rät sie, nicht in den erstbesten Laden an der Ecke zu gehen oder dahin, wo die beste Freundin ist, sondern wirklich zu schauen, was dich im Hinblick auf deine Zukunft interessiert.

Hannah hat allein Hotels im Internet gesucht und sich per Mail um ein Schülerpraktikum beworben. Die Personalabteilungen meldeten sich alle bei ihr zurück. Nachdem sie sich für ein Hotel entschieden hatte, musste sie dort anrufen, um noch einige Fragen zu klären. Dieser Anruf sorgte für Herzklopfen bei ihr. Sie bereitete sich sorgfältig da­rauf vor. Sie wollte einen guten, ersten Eindruck machen. Sie schrieb sich alle Fragen auf, die sie klären wollte und versuchte sich den Gesprächsverlauf vorzustellen, ein­schließlich der richtigen Begrüßung und des passenden Verabschiedungssatzes.
Bevor sie schließlich die Nummer wählte, las sie ihre Notizen mehrmals durch. Instinktiv hat sie sich richtig verhalten, denn genauso bereiten sich Profis auf wichtige Gespräche und Verhandlungen vor.

Nach dem zweiten Praktikum im Hotel ist Hannah im Zweifel, ob das wirklich der richtige Beruf für sie ist. „Man muss ordentlich, nett und schnell sein und dafür bekommt man ziemlich wenig Geld.“ So ihr Fazit. Trotzdem wird sie ein drittes Praktikum im Hotel machen. Danach entscheidet sie sich endgültig. Inzwischen sind ihr die Empfehlungen ihres Vaters durch den Kopf gegangen und sie hat ein Praktikum in einer Werbeagentur absolviert. „Es stimmt, dass ich gern gestalte, dekoriere und einrichte. Wenn ich beispielsweise zu Ikea gehe und die eingerichteten Zimmer in der Möbelausstellung sehe, bekomme ich immer Lust, so etwas auch zu machen.“ Eine Bekannte wies sie auf den Beruf der Gestalterin für visuelles Marketing hin. Das ist zum Beispiel Schaufensterdekoration. Dazu gehört auch das Gestalten der Möbelausstellung bei Ikea. Dieses Berufsbild möchte Hannah jetzt näher kennenlernen. Sie sucht bereits nach einer Firma für ein Praktikum.

Nicht jeder kann sich in so vielen Praktika ausprobieren wie Hannah. Ihre Schule profitiert von einer EU-Förderung, die mehr Praktika als üblich ermöglicht.
„Es wird schon sehr viel für uns getan“, weiß sie. Das Thema Berufsorientierung ist täglich in der Schule präsent. Ein Berufswahltest war für alle Schüler Pflicht. Es werden Workshops angeboten. Aber manchmal ist sie genervt. „Wenn Lehrer jeden Tag irgendwelche Bemerkungen darüber machen, dass es bald ernst für uns wird.“ Manchmal fürchtet sich Hannah vor diesem „Ernst des Lebens“, aber dann sagt sie sich, dass andere es schließlich auch geschafft haben, und dass es irgendeinen Beruf für sie geben wird, für den sie hundertprozentig brennen wird. Hannahs Vater bestärkt sie: „Mir ist wichtig, dass sie vieles ausprobiert und in etwas hi­neinwächst, dass sie aus innerer Überzeugung macht.“

Fassen wir noch einmal zusammen, was Hannah richtig gemacht hat: Sie hat sich die Empfehlungen ihres Vaters angehört und doch gegen die Einwände ihres Vaters den eigenen Weg verfolgt. Sie hat sich umgehört und umgeschaut. Nicht nur ihre Eltern waren wichtige Ratgeber, sondern auch Bekannte, Freunde, eine Lehrerin. Sie hat sich selbstständig fürs Schülerpraktikum beworben und sich sorgfältig auf das wichtige Telefonat vorbereitet. Sie gibt sich nicht mit der erstbesten Wahl zufrieden, auch wenn es ihre eigene war. Sie bleibt weiter auf dem Weg, schaut sich in anderen Berufen um, probiert sich aus.

Ihr Vater hat sich als guter Ratgeber erwiesen. Einen guten Ratgeber erkennst du daran, dass er respektiert, wenn du genau das Gegenteil von dem tust, was er dir geraten hat. Denn letztendlich kommt es darauf an, dass du deine eigene Entscheidung triffst. Wenn es deine eigene Entscheidung ist, kann sie nicht falsch sein. Du bist auf dem Weg. Ein guter Ratgeber wird nicht an dir zweifeln oder zuerst nach deinem Notendurchschnitt fragen. Er weiß, dass Menschen zu allen Zeiten auch mit ungünstigen Startbedingungen ihr Ziel erreicht haben.

Du bist frei, auf deinem Weg Vorschläge und Angebote anzunehmen oder abzulehnen. Du darfst jede Frage stellen. Du kannst überall anrufen oder dich per Mail bewerben. Wenn du dich selbst ernst nimmst, werden die anderen das auch tun.

Text: Kathrin Schrader; Fotos Hannah: Khosro, Eltern: Aaron Amat, Grafik: Macrovector (Shutterstock)

Erstellt am 17. Juni 2019 Drucken
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